„Nicht jeder ist für die Kita oder die Jugendarbeit gemacht.“
Wie arbeitet eigentlich eine Erzieherin bei der Lebenshilfe Wetterau?
Lea Rosenbecker, staatlich anerkannte Erzieherin, gibt einen Einblick in ihren Arbeitsalltag in der hausinternen Gestaltung des Tages der Lebenshilfe in Friedberg. Seit mehr als vier Jahren begleitet sie dort Menschen mit mehrfachen und schwersten Behinderungen in ihrem Alltag.
„Im Grunde übernehmen wir Erzieher_innen die gleichen Aufgaben wie Heilerziehungspfleger_innen oder Pflegefachkräfte“, erklärt Lea. „Unser Schwerpunkt liegt jedoch stärker auf der pädagogischen Arbeit – also darauf, die Klient_innen in ihrer Selbstständigkeit, Selbstbestimmung und Lebensqualität zu fördern.“

Alltag mit Struktur, Sinn und Teilhabe
Die Gestaltung des Tages bietet Menschen, die nicht in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung arbeiten können, eine sinnstiftende und individuelle Tagesgestaltung. Ziel ist es, die Selbstwirksamkeit jedes Einzelnen zu erhalten und zu fördern. Dazu zählen auch alltägliche Tätigkeiten, die für viele selbstverständlich erscheinen – für die Klient_innen aber ein wichtiger Beitrag zur Teilhabe sind.
„Unsere Aufgabe ist es, sie in allen Lebenssituationen zu begleiten und zu unterstützen – insbesondere bei den Dingen, die sie selbst können“, betont Lea.
Beispiele aus dem Alltag verdeutlichen, wie vielfältig und individuell die pädagogische Arbeit ist:
• Die Klient_innen werden motiviert, begleitet und unterstützt, eigenständig aktiv zu werden – etwa, indem sie selbst Musik einschalten oder einen Mixer bedienen.
• Morgens wird gemeinsam die Kleidung ausgesucht, sodass die Klient_innen ihre persönlichen Vorlieben einbringen können. Auch beim Waschen oder Anziehen wird ihre Selbstständigkeit gefördert – durch Handführung oder sprachliche Anleitung.
• Eine kontinuierliche verbale Begleitung gehört selbstverständlich dazu: „Wir erklären jeden Schritt und beziehen die Klient_innen aktiv mit ein.“
Das Ziel ist stets dasselbe: so viel Teilhabe und Selbstwirksamkeit wie möglich.
Pädagogische Angebote mit Herz und Kreativität
Zur Tagesgestaltung gehören regelmäßige Ausflüge und Projekte, die Abwechslung, Freude und neue Erfahrungen ermöglichen. So stehen Besuche auf dem Erlebnisbauernhof, im Vogelpark Schotten, im Palmengarten oder beim Schlittschuhlaufen ebenso auf dem Programm wie kleine Projekte im Haus.
„Wir stellen gemeinsam Bärlauch-Pesto her, färben Ostereier, feiern Feste oder gestalten Gartenbeete“, erzählt Lea. „Solche Aktivitäten stärken das Gemeinschaftsgefühl und die persönliche Entwicklung der Klient_innen.“
Auch kleine Erlebnisse, wie ein Spaziergang an der Usa, ein Kaffee in der Stadt oder ein Besuch bei McDonald’s, sind besondere Momente: „Das sind echte ‚Wow-Erlebnisse‘ für viele unserer Klient_innen. Manchmal müssen wir sie ein bisschen motivieren, rauszugehen – aber anschließend strahlen sie den ganzen Tag.“

Kommunikation auf besondere Weise
Ein Großteil der Klient_innen, mit denen Lea arbeitet, kann sich nicht verbal ausdrücken. Sie kommunizieren nonverbal mit Mimik und Gestik – Ausdrucksformen, die verstanden werden wollen.
„Es dauert seine Zeit, um die Menschen kennenzulernen“, erklärt Lea. „Sie lautieren positiv oder negativ, und man muss lernen, diese Signale richtig zu deuten.“ Nur wer die Klient_innen gut kennt, kann passende pädagogische Angebote gestalten.
Der Unterschied zur Arbeit in einer Kindertagesstätte liegt für Lea auf der Hand: „In der Kita können Kinder in der Regel sprechen und ihre Wünsche äußern. Bei Menschen mit Schwerstmehrfachbehinderung ist vieles Interpretation – aber das macht meine Arbeit nicht weniger erfüllend. Im Gegenteil: Ich bekomme unglaublich viel zurück.“
Auch Gespräche gehören zum Alltag – allerdings auf einer anderen Ebene. „Wir versuchen, die Klient_innen aktiv in den Alltag einzubinden. Beim Einkaufen motivieren wir sie zum Beispiel, die Waren selbst auszuwählen und dann aufs Kassenband zu legen.“
Ein Beruf mit Sinn – und ein klarer Auftrag
Trotz aller Unterschiede bleibt der pädagogische Auftrag gleich: „Als Erzieherin bin ich immer an der intensiven Begleitung und Unterstützung eines Menschen beteiligt – egal, ob Kind oder Erwachsener.“
Leas Weg zur Lebenshilfe
Lea wusste früh, dass sie Erzieherin werden wollte – allerdings nicht im klassischen Kita-Bereich. Nach ihrer schulischen Ausbildung begann sie an der BSG Bad Nauheim ihre berufliche Laufbahn in Richtung Erziehung.
Ein Praktikum an der Johann-Peter-Schäfer-Schule, einer Blindenschule in Friedberg, wurde schließlich zum Wendepunkt. „Ich habe in einer Wohngruppe für mehrfach schwerstbehinderte Jugendliche gearbeitet – alle in meinem Alter. Ich war sofort mittendrin.“ Schnell merkte sie: Diese Arbeit erfüllt sie und entspricht genau ihren Stärken und Interessen. Besonders Themen rund um die Eingliederungshilfe lagen ihr sehr.
In der Blindenschule sammelte sie wertvolle Erfahrungen und übernahm Verantwortung. Besonders in Erinnerung blieb ihr eine Bewohnerin, die sie über längere Zeit intensiv begleitete. „Als ich gespürt habe, dass sie mir vertraut und Nähe zulässt, war das ein ganz besonderer Moment“, erinnert sich Lea. „Solche Erlebnisse zeigen mir, dass sich die Mühe und Geduld in diesem Beruf immer lohnen.“

Beruf mit Herz – und Zukunft
Nach ihrer Ausbildung sammelte Lea weitere Erfahrungen in verschiedenen Einrichtungen der Lebenshilfe Wetterau – zunächst in Wohngruppen, später in der Gestaltung des Tages, wo sie bis heute tätig ist. „Ich habe meinen Platz gefunden – in der Arbeit mit Menschen mit mehrfach Schwerstbehinderung.“
Lea wünscht sich, dass mehr angehende Erzieher_innen diesen Bereich kennenlernen. „Viele denken, Erzieher_innen arbeiten automatisch im Kindergarten. Selbst meine Familie dachte das damals. Dabei ist das Berufsfeld viel breiter gefächert.“
Sie möchte künftig auch bei Berufsmessen oder Schulveranstaltungen von ihrem Weg erzählen, um zu zeigen, wie erfüllend die Arbeit in der Eingliederungshilfe sein kann.
